WIR GEDENKEN SEYÎT RIZA UND SEINEN FREUNDEN

Seyit Riza

Seyit Riza

„Wir sind Kinder Kerbelas. Wir haben nichts verbrochen. Es ist eine
Schande. Es ist grausam. Es ist Mord.“

Das waren die letzten Worte des alevitischen Pirs Seyît Riza vor seiner Hinrichtung. Seyît Riza war einer der wichtigsten geistlich-politischen Persönlichkeiten in Dersim vor dem Genozid 1938. Besondere Bedeutung erlangte Seyît Riza bei der Organisation des Widerstandes gegen den Genozid in Dersim. Im November 1937 wurde er von den staatlichen Behörden in eine Falle gelockt und anschließend verhaftet. Daraufhin wurden Seyît Riza und sieben weitere Personen, die in der Region Dersim ein geistlich-politisches Ansehen genossen, nach einem Schnellverfahren am 15. November 1937 in Elazig hingerichtet. Unter
den sieben Personen befand sich auch der noch minderjährige Sohn von Seyît Riza, Resik Usen, der trotz der letzten Bitte seines Vaters vor ihm erhängt wurde.

Wie schon erwähnt wurden die Todesurteile in einem Schnellverfahren beschlossen, was Sonntagnacht stattfand. In diesem juristisch fragwürdigen Prozess wurde sogar das Alter von Seyît Rizas minderjährigem Sohn hochgesetzt und das Alter von Seyît Riza runtergesetzt, um somit die Todesurteile vollstrecken zu können. Auch dies erfolgte durch die Angaben eines vermeintlichen Zeugen. Obwohl das Genozid in Dersim, bei dem bis zu 70.000 Menschen ermordet wurden, bereits sogar in der türkischen Öffentlichkeit diskutiert wird, ist der Ort, an dem Seyît Riza und seine Freunde begraben wurden, unbekannt.

Dersim war schon zur Zeit der Osmanen ein Dorn im Auge der staatlichen Autorität, da sich in dieser Region die Aleviten selbst verwalteten und sich dem Kalifat der Osmanen nicht beugten. Auch die junge türkische Republik, die 1923 gegründet wurde, sah in den Aleviten aus Dersim ein großes Hindernis für ihre Homogenisierungspolitik und aus diesem Grund wurden die Dersimer massakriert. Belege hierfür finden wir in den Geheimdokumenten des türkischen Militärs: Hier ist die Rede davon, die Mission des osmanischen Sultans Yavuz Selim durchführen zu wollen, der im 16. Jahrhundert ca. 40.000 Aleviten ermordet hatte und somit Dersim, die „Festung“ des anatolischen Alevitentums, zu Fall zu bringen.

In den letzten Worten von Seyît Riza sehen wir, dass er sich in derselben Schicksalslage wie der Helige Hüseyin sieht, der sich vor allem für Gerechtigkeit einsetzte und sich gegen die Despotie aussprach. Dieser wurde 680 n. Chr. Durch die Armee des Kalifen Yezit in der heutigen irakischen Stadt Kerbela ermordet.
Auch heute sind die Dersimer noch ein Dorn im Auge der staatlichen Autorität, einerseits aufgrund ihrer linkspolitischen Gesinnung und andererseits ihrer alevitischen Glaubenszugehörigkeit. Der Staat versucht nämlich die Region mit Staudammprojekten zu entvölkern und dadurch die Menschen von ihrer Heimat und ihren Wurzeln zu trennen. Auch die Sprache Kirmancki (auch Zazaisch genannt), die die Muttersprache vieler Dersimer ist, gehört zu den Sprachen, die vom Aussterben bedroht sind.

Wir als Bund der Alevitischen Studierenden in Deutschland (BDAS) verurteilen das Massaker von Dersim und die staatliche Assimilations- und Homogenisierungspolitik, die immer noch in Dersim fortgesetzt wird. Wir gedenken Seyît Riza und seinen Freunden und fordern den türkischen Staat auf, den Familienangehörigen die Gräber von Seyît Riza und seinen Freunden mitzuteilen.

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