Wert und Glaubensvorstellung der Aleviten

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Ein Blick in die Alevitische Lehre

 

[Caglar Ekici]

Im Zentrum der alevitischen Lehre steht der Mensch. Dies wird unterstrichen durch die „Zentralität der Forderung nach „Reinheit des Herzens“ und nach Selbsterkenntnis, bei gleichzeitiger Vernachlässigung von Jenseitsspekulationen. Ritual und Andacht (ibadet) sind nur als Kollektiverleben denkbar. Sie realisieren sich in der Liebe und Achtung für den Menschen; denn dieser sei Gottes vollkommenste Schöpfung. Im Menschen manifestiere sich Gott: Insan kabedir – „der Mensch ist die Kaaba“ – heißt es denn auch. Obzwar von göttlicher Natur, gilt der Mensch als autonom und selbstverantwortlich“ (Vorhoff 1995: 63).

Das Alevitentum ist ein diesseitsorientierter Glaube, in dem Jenseitsvorstellungen recht zweitrangig sind. So gesehen richtet sich die Existenz des Menschen nicht auf eine andere, sondern auf diese Welt, auf der man versucht durch Reinheit des Herzens und Selbsterkenntnis an Gott zu gelangen (Kehl-Bodrogi 1988: 122). Ziel jedes einzelnen Individuums ist es, Liebe zu verspüren, denn der Mensch kann den Frieden mit sich selbst und mit seinen Mitmenschen nur mit Liebe ermöglichen (Güzelmansur 2012: 242f). Der Mensch wird nach alevitischem Verständnis als die Quelle der göttlichen Offenbarung angesehen, was bei den rituellen Versammlungen, nämlich den Cem[1] Zeremonien der Aleviten, zu Tage tritt. Nach diesem Verständnis wird Selbsterkenntnis mit Gotteserkenntnis gleichgesetzt, womit auch dem Menschen der Weg zu Gott offenbart wird (Güzelmansur 2012: 277f). Denn für die „Aleviten ist der Mensch mit Hilfe seines Verstandes fähig, Gott zu erkennen und selbständig zwischen Gut und Böse zu unterscheiden; somit ist der menschliche Verstand […] für Aleviten eine Quelle der Offenbarung“ (Kaplan 2004: 42).

Das bedeutet, dass der Mensch vor einer freien Entscheidung steht, sich zwischen Gut und Böse zu entscheiden. Demnach führe eine Entscheidung für das Gute zur Unsterblichkeit, was

sich nicht im Jenseits, sondern im Diesseits durch den individuellen Identitätsaufbau manifestiert. Somit bestehen auch keine Vorgaben von einer göttlichen Instanz auf den Menschen, sondern der Mensch selber ist für sein Schicksal verantwortlich. Denn Gott selber ist nach alevitischem Verständnis auf die Menschen angewiesen, da die Existenz Gottes auf den Glauben des Individuums basiert – der Mensch ist praktisch untrennbar von Gott. Gott stellt somit den guten Pol des Dualismus dar, was in der alevitischen Lehre vorhanden ist. Somit kann der Mensch, wenn er Herr seiner Hand, seiner Zunge und seiner Lende ist, die ihm innewohnenden göttlichen Attribute beanspruchen. Die Auswahl des Guten führt das Individuum somit zur Göttlichkeit (Gürtas 2005: 212). Somit ist die primäre Aufgabe eines Aleviten, sein Ego zu bekämpfen. Und um dies zu verwirklichen, ist es notwendig, die bereits geschilderte Maxime wie die Beherrschung der Hände, der Zunge und Lende zu vollziehen. Demnach solle man die Hand beherrschen, indem man sich beispielsweise nicht an das Hab und Gut anderer vergreift, seinen Mitmenschen durch Gewalt keinen Schaden zufügt oder auch nicht bei Unrechtstaten anderer beteiligt ist. Die Zunge beherrscht man, wenn man nicht lügt, Beleidigungen und unrechte Beschuldigungen gegenüber anderen Menschen vermeidet. Des Weiteren wird die Lende beherrscht, indem man Herr über die eigenen sexuellen Triebe ist und keine sexuelle Untreue verursacht. Die Bekämpfung des Egos bereinigt nach alevitischem Verständnis die Seele, womit auch die Liebe zu Gott und den Menschen zum Vorschein kommt. Somit ist das Ego nicht nur ein Hindernis gegenüber dem eigenen Wohlbefinden, sondern stellt auch ein Hindernis gegenüber den Rechten der Mitmenschen dar (Kaplan 2004: 57).

Um seinen Ego vollständig unter Kontrolle zu haben und somit die göttliche Wahrheit zu erlangen, wird dem Individuum ein Raster vorgegeben, nämlich die vier Tore und vierzig Pforten zu durchstreiten, dessen Basis, der Herr über die Hand, die Zunge und die Lende zu sein, bildet. Somit stellen die jeweiligen vier Tore „die Voraussetzung auf dem Weg zum perfekten Menschen. Diese vier Tore sind die Stufen der göttlichen Erkenntnis. Obwohl bei den Aleviten der Mensch heilig ist, ist dennoch nicht jeder Mensch in der Lage, die ihm innewohnende göttliche Attribute zuerkennen. Der Mensch muss erst die göttlichen Attribute erwerben, aufgrund dessen muss er diese vier Stufen bzw. Tore zu göttlichen Vollkommenheit durchschreiten“ (Gürtas 2005: 194).

Eine Vereinigung mit Gott ist somit nach der Lehre der Aleviten durch moralische und soziale Implikationen zu erwerben. Die vier Tore sind demnach die Seriat, Tarikat, Marifet und Hakikat (Kehl-Bodrogi 1988: 151). Mit dem ersten Tor Seriat meinen die Aleviten nicht das islamische Rechtssystem Scharia, sondern ein äußerliches Regelsystem für das einzelne Individuum, wodurch die grundlegenden Handlungen auf dem mystischen Weg dargestellt werden. Unter vielen Aleviten ist der Glaube daran vorherrschend, dass sie durch die Geburt in die alevitische Gemeinschaft das erste Tor Seriat bereits überwunden haben. Um das Tor Seriat zu durchschreiten, müssen die jeweiligen zehn Stufen wie z.B. der Glauben, der Wissenserwerb, die Verrichtung des Gottesdienstes, ein ehrliches Einkommen, die Vermeidung der Ausbeutung und des Unrechts, die gleichberechtigte Betrachtung von Mann und Frau, die Ehesuche, die Fürsorge, die Einnahme von reinen Speisen, die Achtung der Sauberkeit und zuletzt Gutes–zu-wollen und Gutes-zu-tun erfüllt werden. Das zweite Tor nennt sich Tarikat. Dieses stellt die Initiation in die alevitische Gemeinschaft dar. Dabei geht es vielmehr um den Sinn des Weges (Yol)[2], wozu auch ein Wegweiser (Rehber) für die jeweilige Person von Bedeutung ist. Dadurch findet das jeweilige Individuum seinen Platz in der Gemeinde, wodurch seine Handlungen das Einvernehmen der jeweiligen Mitglieder bedürfen. Die zehn Stufen für das zweite Tor sind: sich einem Meister (Pir) anvertrauen, sich dem Lernen zuwenden, auf Äußerlichkeiten verzichten, gegen das eigene Ego ankämpfen, Achtung wahren, Ehrfurcht wahren, Hoffnung wahren, den Weg der Wahrheit gehen, den Bezug zur Gemeinschaft wahren und die Liebe zu Menschen und zur Natur sowie der Verzicht auf weltliche Güter. Das Tor Marifet stellt somit die mystische Erkenntnis dar und bildet die Voraussetzung für die Vervollkommnung, welches angestrebt wird. Dabei spielt das menschliche Bewusstsein eine zentrale Rolle, worin sich die Erkenntnis über die Bedeutung des Menschen verbirgt (Kaplan 2004: 49ff). Die zehn Stufen des dritten Tores sind: Anstand, Erhabenheit, Geduld und Genügsamkeit, Schamgefühl, frei von Gelüsten sein, Wissen, Toleranz, Freigiebigkeit, Erkenntnis und das Streben nach Selbsterkenntnis (Gürtas 2005: 204). Die letzte Stufe Hakikat, namentlich Wahrheit, stellt die Selbsterkenntnis und somit das Endziel des Individuums dar. Um zur Selbsterkenntnis zu erlangen, bedarf man nicht nur dem Verstand, sondern auch den Einklang des Verstandes mit den Gefühlen und dem Körper (Kaplan 2005: 52). Somit sind die Stufen für das letzte Tor Bescheidenheit: bei den Fehlern der anderen wegzuschauen, gute Taten zu vollbringen, alles zu lieben, alle Menschen gleich zu betrachten, immer das Ziel der Einheit zu wahren, die Wahrheit nicht zu verbergen, den

Sinn des Wissens zu verstehen, das Geheimnis lernen und die Einheit der Realität zu erkennen (Gürtas 2005: 204). Nachdem man die vier Tore durchschritten hat, wird man zum insan-i kâmil, was so viel heißt wie „der vollkomme Mensch“. Dies stellt somit nach der alevitischen Lehre den höchsten Zustand dar, welcher für den Menschen zu erreichen ist (Dressler 2002: 112).

Nach dem alevitischen Gottesverständnis ist die Erschaffung des Menschen nicht aus dem nichts geschehen, sondern durch die Transformation eines göttlichen Wesens zu einem anderen Zustand, was vielmehr mit der Zerteilung des einen göttlichen Wesens in viele kleine Teile geschah. Somit ist das Universum die Widerspiegelung von dem Einen-Ganzen. Der Mensch, welcher ein Teil Gottes ist, soll durch die Selbsterkenntnis seine Göttlichkeit wiederentdecken (Güzelmansur 2012: 250f). Die Emanationslehre prägt somit das Gottesbild der Aleviten, worin der alevitische Gott als ein phänomenologischer Prozess der Entäußerung des Bewusstseins auftritt, wodurch Gott-Natur-Mensch untrennbar ist. Denn „Gott ist zugleich Mensch und der Mensch Teil der Natur. Der menschliche materielle Körper ist die Bedingung zur Selbsterkenntnis Gottes bzw. des Perfekten Menschen. Er besteht aus körperlicher Materie, diese Materie ermöglicht, dass er um sich bewusst werden kann“ (Gürtas 2005: 206).

Der gängige Gottesbegriff bei den Aleviten ist „Hakk“, was so viel wie Wahrheit oder göttliche Wahrheit zu bedeuten hat. Dies entspricht der alevitischen Allheitslehre, wo Gott für den Kosmos im Ganzen steht (Güzelmansur 2012: 76). Somit sind Muhammed und Ali aus dem Licht Gottes erschaffen, womit die Gleichartigkeit zwischen Gott, Muhammed und Ali zum Ausdruck kommt – dies  manifestiert sich schließlich in dem Kultspruch „Hakk-Muhammed-Ali“. Demnach ist der Mensch als die Widerspiegelung Gottes zu verstehen, wofür Muhammed und Ali als Synonyme dienen. Danach symbolisieren Muhammed, Ali und Ana Fatma, die Tochter von Muhammed und Ehefrau Alis, und deren Nachfahren, nämlich die zwölf Imame, als Menschen die Göttlichkeit im Menschen (Kaplan 2004: 38f). In der alevitischen Lehre ist ebenfalls der Glaube an die Seelenwanderung vorherrschend, demnach ist die Seele unsterblich und wandert von einem Körper zum anderen und ist in der Lage überall wiedergeboren zu werden, bis man das Endziel der Vollkommenheit erreicht hat. Somit ist das Ziel des Menschen im Leben die Vervollkommnung. (Güzelmansur 2012: 265).

Als Entstehungsmythos des Alevitentums wird der Cem der vierzig Heiligen angesehen, wo erzählt wird, dass der islamische Prophet nach der Himmelsreise auf die Versammlung der vierzig Heiligen stößt und sich zu ihnen gesellen möchte. Dabei wird ihm nicht der Einlass gewährt, weil er sich in der Tür als Propheten vorstellt. Ihm wird erst der Einlass gewährt, nachdem er sich als Diener der Armen vorstellt. In der Gemeinschaft der Vierzig erfährt Muhammed, dass jeder dort gleich ist, was mit der Metapher verdeutlicht wird, als einer von ihnen Verletzt wird, dass dann von jedem einzelnen Blut fließt (Gürtas 2005: 73).

Dass Muhammed vor der Tür abgewiesen wird, weil er sich als Propheten der Gemeinschaft vorstellt, verdeutlicht, dass in der alevitischen Lehre der Rang eines Menschen nicht von besonderer Bedeutung ist, im Grunde ist er trotz dessen irgendwo allen anderen Menschen gleichgestellt. Die Erzählung von Riza Sehri (Stadt des Einvernehmens), wo das alevitische Gesellschaftsbild seinen Ausdruck findet und unter den Menschen Harmonie herrscht,  ist ein Beweis dafür, dass Gleichheit bei dem alevitischen Gesellschaftsbild eine zentrale Rolle spielt. Jegliche Streitigkeiten werden unter Menschen im Einvernehmen gelöst. In Riza Sehri existiert Geld nicht als Tauschmittel, Waren bekommt man gegen Dienstleistungen, jeder bringt sich somit mit seinem Dienst für die Gemeinschaft ein. Dabei muss das Individuum im Einvernehmen mit sich selbst, mit der Gesellschaft und mit der Gemeinschaft sein. Dabei darf nichts auf Zwang basieren, dass jeweilige Individuum hat das Recht sich für ein Leben im Einvernehmen zu entscheiden oder es abzulehnen (Dressler 2002: 112f). Neben dem Wertesystem der Vier Tore und Vierzig Stufen ist für das Alevitentum das Rizalik (Einvernehmen) von zentraler Bedeutung. Dies tritt bei den Cem Zeremonien der Aleviten zutage, wo jeder dem Einvernehmen des jeweils anderen bedarf. Denn einen Gottesdienst ohne das Einvernehmen der Gemeindemitglieder zu führen, ist nicht möglich: Sogar der Pir (Geistlicher) bedarf dem Einvernehmen der Gemeindemitglieder, damit er den Gottesdienst leiten kann (Kaplan 2004: 55f).

Auch der Schutzpatron Hizir (Elias), welcher den in Not stehenden zur Hilfe herbeieilt, stellt die Emanationslehre im Alevitentum dar. Die Begegnung mit Hizir, der in Gestalt eines jeden Menschen auftreten kann, jedoch öfters als Armer Greis auftritt, dient in dem Sinne für Wohlstand und Segen. Als armer Greis bittet Hizir die Menschen um Hilfe, womit er sie testet. Denn er möchte die Gewissheit erlangen, dass Menschen, denen er helfen wird, auch hilfsbereit sind (Gürtas 2004: 88f). Dieser Glaube unterstreicht, dass der Retter des Menschen nur ein Mensch sein kann und in den meisten Fällen erfährt der Mensch Hilfe, der auch hilfsbereit ist. Dass der Mensch in der alevitschen Lehre im Zentrum liegt, sehen wir auch bei der Darstellung von historischen Gestalten wie dem Propheten Muhammed oder seinem Schwiegersohn Ali als die Inkarnation Gottes. Wichtig für die Aleviten ist der Leitsatz: Leben und leben lassen. Dies drückt sich bei dem Gedanken des Einvernehmens aus, nach dem ein Mensch eben so viele Freiheiten besitzt, solange er die Freiheit von anderen nicht einschränkt.

 

Literaturgrundlage:

 

Dressler, Markus 2002: Die alevitische Religion – Traditionslinien und Neubestimmungen, Würzburg.

Gürtas, Haki 2005: Mythen und Rituale des Alevitentums – Zur Religionssoziologie einer Glaubensgemeinschaft im Nahen Osten, Konstanz.

Güzelmansur, Timo 2012: Gott und Mensch in der Lehre der anatolischen Aleviten, Frankfurt am Main.

Kaplan, Ismail 2004: Das Alevitentum – Eine Glaubens- und Lebensgemeinschaft in Deutschland, Köln.

Kehl-Bodrogi, Krisztina 1988: Die Kizilbas/Aleviten-Untersuchung über eine esoterische Glaubensgemeinschaft in Anatolien, Berlin.

Vorhoff, Karin 1995: Zwischen Glaube, Nation und neuer Gemeinschaft: Alevitische Identität in der Türkei der Gegenwart, Berlin



[1] Die Bedeutung des Begriffes ist als Versammlung oder Vereinigung zu verstehen. Somit stellt es den Gottesdienst der Aleviten dar. Im Gottesdienst Gedenken die Aleviten an ihre Heiligen. Außerdem stellt Cem als Schule ein solidarisches Beisammensein dar, wo Konflikte und Uneinigkeiten im Einvernehmen gelöst werden (Kaplan 2004: 65)

[2] Aleviten bezeichnen ihren Glauben als Weg

 

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