Hizir

HIZIR

Nach der Vorstellung der anatolischen Kizilbaschs hat der Prophet Hızır (Hızır Nebi) schon jahrtausende Jahre vor unserer Zeit gelebt. Hızır (auch sein Bruder Ilyas) hat das Wasser der Unsterblichkeit (Ab-i Hayat) getrunken und damit das ewige Leben errungen.[1] Er ist ein alter weiser Mann, der auf seinem grauen Schimmel (‚Bozatlı’ Hızır) von Region zu Region reitet, um notbedürftigen Menschen zu helfen. Hierbei darf man nicht vergessen, dass er auch mal sein äußeres Erscheinungsbild ändern kann (‚dondan dona girer’). In einem Gebet aus Dersim heißt es: „…gah feqira, gah wezira…“ – „manchmal bist (erscheinst) du (Hızır) als Armer, manchmal als Wesir (also im Reichenkleid)…“. So tauch Hızır mal als armer Bettler, mal als reicher Mensch auf. İm übertragenen Sinn können wir fesstellen, dass Hızır in allen verschiedenartigsten menschlichen Erscheinungsbildern auftauchen kann und Hilfsbedürftigen hilft.Eine weitverbreitete Erzählung über ihn besagt, er habe Noahs Arche vor dem Untergang bewahrt. Nachdem die Essensvorräte und das Wasser auf der Arche nach lange andauernden Fluten aufgebraucht worden war, drohte eine Hungersnot auf dem Schiff. Noah rief Hızır zur Hilfe und Hızır habe sein mit Menschen und Tieren vollbeladenes Schiff gegen ein Unwetter und die Hungersnot geschützt. Nachdem das Schiff drei Tage einem Unwetter widerstand, sollen die Geretteten drei Tage lang gefastet haben, um Hızır ihre Dankbarkeit zu beweisen.[2]Jedes Jahr beginnt mit dem 14.Januar des Jahres der Hızır-Monat und endet mit dem Ende der zweiten Woche im Februar. Nebenbei ist zu erwähnen, dass das Jahr nach dem julianischen Kalender, an dem sich manche orthodoxe Christen orientieren, mit dem 14. Januar beginnt.
Je nach Region fasten die Aleviten drei aufeinanderfolgende Tage, um an Hızır zu gedenken. In der Region von Dersim[3] fastet man dienstags, mittwochs und donnerstags im Monat des Hızır (Asma Xizir). Auf vier Wochen verteilt fasten die Bewohner dieser Region jeweils je nach Lokalität um eine Woche versetzt an den oben genannten Tagen. In der ersten Woche fasten die Bewohner aus dem Zentrum Dersims, des Demenan-Gebietes (ye Demenu), in der zweiten Woche jeweils die Gebiete im Norden und Süden des Demenan-Gebietes, also im Süden Desim/ Hozat (ye Desmu) und das Haydaran-Gebiet (ye Heyderu/ dere Heyderu) im Norden, danach weitere Gebiete jeweils im Norden und Süden, bis vier Wochen des Hızır-Monats vervollständigt sind. „Die Fastentage „wandern“, weil auch Hızır wandert“- sagt man.

In anderen Regionen Anatoliens fastet man überwiegend am Ende der zweiten Woche des Februars. Am Abend des letzten Fastentages (Donnerstagabend) versammelt sich die Gemeinde zum Gemeinsamen Festmahl, welches gemeinsam vorbereitet wird. Unter Leitung eines religiösen Oberhauptes Ana oder Pirs werden die Gaben (Lokma) zusammengetragen, Kerzen angezündet und Gebete aufgesagt. Ledige Erwachsene versuchen an diesem letzten Fastentag möglich nichts zu trinken, denn nach diesem Mythos träumen sie, wen sie später mal heiraten und trinken im Traum Wasser in dessen Haus. Eine andere Tradition, die bis heute gepflegt wird ist das zubereiten einer Speise mit „kavut“. Diese spezielle Speise aus Weizenmehl und Birnen wird über Nacht offen gelegt, wobei mache Familien das Mehl offen legen, mit dem sie am nächsten Tag die Gaben (Lokma) zubereiten. Man wünscht sich etwas und legt sich schlafen. Am nächsten Morgen sucht man nach Zeichen auf der offen gestellten Speise, um zu sehen, ob Hızır von dieser gekostet hat, was viel Glück und Segen für die Familie bringt. Am Ende der Hızırtage folgt meistens eine Cemzeremonie für Hızır (Hızır Cemi). * Yılmaz Kahraman ist Islamwissenschaftler und Bildungsbeauftragter der Alevitischen Gemeinde Deutschland e.V.

 


[1] Ähnlich der Brüder Castor und Pollux  aus der griechischen Mythologie
[2] In anderen Erzählungen war er auch der Lehrer von Moses.
[3] Da meine Familie aus Dersim stammt, kann ich Aussagen über diese Region machen.

Comments are closed.