Die Geschichte der Aleviten im osmanischen Reich und in der türkischen Republik

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Die Ursachen für die Emigration der Aleviten in die Bundesrepublik Deutschland

[Caglar Ekici] Die Geschichte der Aleviten im Osmanischen Reich war durch Verfolgungen geprägt. Insbesondere der Kontrast zwischen dem Weltbild der Osmanen und den Aleviten und die prekäre Lage der anatolischen Landbevölkerung, welche überwiegend aus Aleviten bestand, führte zu einem Bündnis zwischen Aleviten und den Safawiden im Iran.

Somit begann die Verfolgung der Aleviten im Osmanischen Reich mit dem Konflikt zwischen der iranischen Dynastie der Safawiden und den Osmanen. Da die Aleviten in Anatolien zu der Anhängerschaft des safawidischen Schah Ismail gezählt wurden, kam es durch den osmanischen Sultan Selim I., der 1512 den Thron bestieg, zur Verfolgung der Aleviten (Tasci 2006: 76). Die Verfolgung der Aleviten durch Sultan Selim I., wird auch durch seine Übernahme des Kalifats im Jahre 1514 in Zusammenhang gebracht:

 

„Im Jahre 1514 übernahm der osmanische Sultan, Yavuz Selim 1., mit dem sunnitisch– islamischen Kalifat auch die geistliche Führung des sunnitischen Islam. Er wollte den Vertretungsanspruch des orthodoxen Islam auch gegenüber der alevitischen Bevölkerung in Anatolien durchsetzen, die er als „Ketzer“ ansah. Die eskalierende Verfolgung der Aleviten führte zu Massakern, Zwangsumsiedlungen und Vertreibung der alevitischen Bevölkerung in entlegene Gebiete Anatoliens“ (Kaplan 2004: 17)

 

Anhand dieser Informationen können wir behaupten, dass die Aleviten mit ihrer religiösen Heterodoxie im Kontrast zum orthodox-sunnitischen Islam der Osmanen standen. Die Abweichung der Aleviten gegenüber dem institutionalisierten- religiösen System der Osmanen, kann man als eines der Ursachen für die Verfolgung der Aleviten betrachten.

Vielmehr war der Charakter des Konfliktes zwischen Aleviten und Osmanen sozioökonomischer Natur, denn die Aleviten gehörten im osmanischen Reich hauptsächlich zu den unteren sozialen Schichten an (Kehl-Bodrogi 1988: 27f). Insbesondere die Angst gegen die Verfolgungen der Osmanen, veranlasste die Aleviten sich meistens in gebirgigen Regionen anzusiedeln, in der die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen nicht besonders gut waren, wo man sich vielmehr Schutz vor staatlichen Repressalien erhoffte (Gülcicek 1996: 34). Besonders ab Mitte des 17. Jahrhunderts zogen sich die Aleviten vom wirtschaftlichen und sozialen Leben zurück, um sich vor Repressalien und Verfolgungen zu schützen und um ihren Glauben zu erhalten (Kaplan 2004: 18). In diesem Fall spricht Dressler von einer „innerosmanischen Emigration“, was der Anlass für die Ansiedlung der Aleviten in der Peripherie bildete (Sökefeld 2008: 11).

Die Gründung der Republik Türkei 1923 erleichterte den Aleviten die Partizipation in der türkischen Öffentlichkeit, da insbesondere die religiösen Determinanten von den säkular-nationalen ersetzt wurden, trotzdem…

 

wurden die Aleviten auch von der säkularen Republik nicht als eigenständige Religionsgemeinschaft anerkannt. Im Gegenteil auch das Cem-Ritual wurde mit der Schließung der Derwischkonvente und dem Verbot der religiösen Orden 1925 untersagt, und musste von nun an heimlich geführt werden“ (Dressler  2002: 221).

 

Man kann nicht leugnen, dass die Aleviten durch die Republiksgründung zu vollberechtigten Bürgern gezählt wurden. Jedoch wurde auch mit der Gründung der Republik den Aleviten die Religionsfreiheit nicht gewährleistet. Insbesondere trat zum Vorschein die Hoffnung, dass durch die Gründung der türkischen Republik, der Abschaffung des Kalifats und der Scharia und durch die Einführung des Laizismus, unter die Diskriminierung und Verfolgung der Aleviten ein Schlussstrich vollzogen wird (Sökefeld 2008: 13). Denn die Aleviten waren…

 

„nach ihrer Unterstützung der Safawiden im 16. Jahrhundert Verfolgungen ausgesetzt und galten bis zuletzt als Häretiker und als politisch unzuverlässig. Es war ihnen […] nicht möglich, gleichberechtigt am öffentlichen Leben teilzunehmen. Sie standen außerhalb des millet-Systems, das lediglich den „Religionen der Schrift“ (ehl-i kitab), also den Juden und den christlichen Denominationen, weitgehende kulturelle und rechtliche Autonomie gewährte“ (Dressler 2002: 244).

 

Trotz ihres säkularen Charakters fing die junge Republik mit den 1924 gegründeten Religionsbehörde an, den Glauben zu kontrollieren und das religiöse Leben zu bestimmen, wobei man sich nur am sunnitischen Islam orientierte und heterodoxe Glaubensrichtungen wie das Alevitentum und diverse andere Orden als abweichend betrachtete und verwarf, wodurch die Aleviten in jeglicher Weise der religiösen Entfaltung gehindert wurden (Sökefeld 2008: 13). Bereits 1938 erübrigte sich in der von überwiegend Aleviten bewohnten ostanatolischen Provinz Dersim ein Massaker an Aleviten, wo zehntausende Menschen ermordet wurden und im Anschluss mehrere Tausend Menschen deportiert wurden. Obwohl die Aleviten die junge Republik in seiner Anfangsphase begrüßt hatten, galten sie nun als ein Dorn in den Augen der kemalistischen Staatselite, da diese sie als Hindernis für ihre Homogenisierungspolitik sahen (Nordhausen 2013).  In den 1950er Jahren kam es in der Türkei zu einer Re– Islamisierung in Politik und Gesellschaft, die insbesondere durch konservative Parteien veranlasst wurde. Dies führte zu einer engen Annäherung des Amtes für Religionswesen und der konservativen Regierungen, die hauptsächlich nach 1950 gebildet wurden. Im Rahmen dieser Re– Islamisierungswelle wurde der sunnitische Religionsunterricht an den Schulen eingeführt, an dem alevitische Kinder und Jugendliche gezwungen waren teilzunehmen. Parallel dazu wurde eine antikommunistische Staatspolitik durchgeführt, wobei Aleviten, wegen ihrer linkspolitischen Gesinnung, zur Zielscheibe dieser wurden. In den 70er und 80er Jahren kam es in türkischen Städten wie z.B. Kahramanmaras (1978) und Corum (1980) zu Pogromen, die gegen die Aleviten gerichtet waren (Kaplan 2004: 19). Im Sommer 1993 kam es zu einem Brandanschlag auf ein Hotel in der zentralostanatolischen Provinz Sivas, wo sich die Teilnehmer eines alevitischen Kulurfestivals befanden. Stundenlang wurde das Hotel von über zehntausend Islamisten belagert, die anschließend, vor den Augen von Sicherheitskräften, das Hotel in Brand steckten. Als Anlass für den Anschlag wurde die Teilnahme des türkischen Schriftstellers Aziz Nesin an dem Kulturfestival genommen, der Salman Rushdis Werk „Die Satanischen Verse“ ins türkische übersetzt hatte, womit ihm die Beleidigung des Propheten Muhammed vorgeworfen wurde (Gümüs 2001: 203f). Am 12. März 1995 ereignete sich ein Anschlag in einem Kaffeehaus von unbekannten in dem von überwiegend Aleviten bewohnten Istanbuler Viertel Gaziosmanpasa, wo zwei Menschen ums Leben kamen. Anschließend protestierten mehrere Tausend Menschen gegen die Untätigkeit der Polizei, die sich in der Nähe des Tatorts befand. Die Polizei ging mit äußerster Härte gegen die Demonstranten vor, was zum Tod von 27 Menschen führte (Kaplan 2004: 20).

Immer noch…

 

„ist das Alevitentum in der Türkei nicht formell anerkannt. Offiziell gelten Aleviten in der Türkei einfach als Muslime, wobei kein Unterschied zum dominanten sunnitischen Islam gemacht wird. Es gibt für sie also keine besonderen Vorkehrungen, wie das Beispiel des Religionsunterrichts zeigt. Das sehr große Budget der Religionsbehörde, das auch aus den Steuern der alevitischen Bürger finanziert wird, kommt allein sunnitischen Einrichtungen und Moscheen zugute. Diese Praxis wird offiziell damit begründet, dass Aleviten eben Muslime seien und dass Muslime Moscheen besuchen sollten.“ (Sökefeld 2008: 15)

 

In diesem Zitat wird die aktuelle Lage der Aleviten in der Türkei kurz und präzise geschildert. Erwähnen sollte man noch den sogenannten Religions- und Ethikunterricht in den türkischen Schulen, der dazu ein Pflichtfach ist, in dem die Inhalte des sunnitischen Islams gelehrt werden. Alevitische Kinder und Jugendliche sind somit gezwungen an diesem Fach teilzunehmen, wodurch man ihnen den sunnitischen Islam aufzwingt. Zu ergänzen ist zu dem obigen Zitat noch, dass die alevitischen Gebetshäuser in der Türkei offiziell nicht als Instanzen des religiösen Lebens anerkannt werden. Somit bildet die Aufhebung der oben aufgezählten Benachteiligungen die Forderungen der Aleviten in der Türkei (Sökefeld 2010: 18f).

Wenn wir die Lage der Aleviten in der Türkei vom Osmanischen Reich bis heute betrachten, können wir einige Ursachen für die Emigration der Aleviten aus der Türkei aufzählen. Anlass war die prekäre Situation der Aleviten in den kargen Landschaften und Gebirgen Anatoliens, die wegen der Verfolgungen im Osmanischen Reich zu Siedlungsgebieten der Aleviten in der Türkei zählen. Dies war auch ein bedeutender Beweggrund der Arbeitsmigration der Aleviten in die Bundesrepublik Deutschland. Hinzu kamen noch politische Gründe für die Migration in den 80er Jahren, deren Anlass der Militärputsch am 12. September 1980 war, wodurch viele Aleviten in der Bundesrepublik Deutschland ihr Exil fanden (Sökefeld 2008: 19).

Somit ist zu sehen dass die türkische Republik die feindliche Haltung gegenüber Aleviten vom osmanischen Reicht erbte. Aleviten waren wegen ihrer ablehnenden Haltung  gegenüber Willkür und Ungerechtigkeit immer ein Dorn in den Augen der herrschenden, sowohl im osmanischen Reich als auch in der türkischen Republik. Deswegen kam es immer wieder zu Gewaltexzessen gegenüber Aleviten, um sie einzuschüchtern und zu assimilieren oder vollkommen zu beseitigen. Aleviten sehen sich im wahrsten Sinne des Wortes in einer Tradition von Protagonisten, die sich seit Kerbela gegen Tyrannei und Willkür wiedersetzten. Deswegen wird Sah Hüseyin besonders verehrt, der die tyrannische Herrschaft des Kalifen Yezit aus der Dynastie der Umayyaden ablehnte und somit den Tod bewusst in Kauf nahm, um ein Zeichen dafür zu setzen, dass man sich unter gar keinen Umständen der Ungerechtigkeit und die Tyrannei beugen soll.

 

 

 

 

 

Quellen:

Dressler, Markus 2002: Die alevitische Religion – Traditionslinien und Neubestimmungen, Würzburg.

 

Gülcicek, Ali Duran 1996: Der Weg der Aleviten (Bektaschiten), Köln.

 

Gümüs, Burak 2001: Türkische Aleviten – vom osmanischen Reich bis zur heutigen Türkei, Konstanz.

 

Kaplan, Ismail 2004: Das Alevitentum – Eine Glaubens- und Lebensgemeinschaft in Deutschland, Köln.

 

Kehl-Bodrogi, Krisztina 1988: Die Kizilbas/Aleviten-Untersuchung über eine esoterische Glaubensgemeinschaft in Anatolien, Berlin.

 

Nordhausen, Frank (2013): http://www.fr-online.de/politik/voelkermord-an-aleviten-das-massaker-von-dersim,1472596,24124266.html, Abruf 11.06.2014.

 

Tasci, Hülya 2006: Identität und Ethnizität in der Bundesrepublik Deutschland am Beispiel der zweiten Generation der Aleviten aus der Republik, Berlin.

 

Sökefeld, Martin 2010: Die Geschichte der alevitischen Bewegung in Deutschland, in Eißler, Friedmann (Hg.) 2010: Aleviten in Deutschland – Grundlagen, Veränderungsprozesse, Perspektiven, Berlin, S. 18-29.

 

Sökefeld, Martin 2008: Von der takiye zur alevitischen Bewegung, in Sökefeld, Martin (Hrsg.): Aleviten in Deutschland, Bielefeld, S. 7-37.

 

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